Radsport
Zurück nach Absurdistan
Lance Armstrong hat in der ihm eigenen vorläufigen Endgültigkeit seinen Start bei der Tour de France 2009 angedroht. Um jeden Zweifel an der Lauterkeit dieses Vorhabens auszuräumen, tritt der siebenmalige Gewinner der Rundfahrt nun für den absurdischen Rennstall Astana an.
Die Gefahrenanalyse war gründlich und konsequent: "Ich werde mich sicherlich nicht in eine gefährliche Situation begeben.", ließ der 37-jährige Texaner unlängst verlauten. Damit meinte er keineswegs die physische Belastung nach der immerhin dreijährigen Auszeit vom Profiradsport. Es sind die ihm in tiefer Abneigung zugetanen französischen Radsport-Fans, deren Übergriffe Armstrong fürchtet.
Alle anderen Hindernisse sind derweil ausgeräumt. Nachdem die französische Antidopingagentur ihren Job bei der Tour de France 2008 überaus professionell erledigte, hat die Tourdirektion die Beaufsichtigung der Dopingtests für 2009 schnell wieder an den Weltverband UCI delegiert, mit dem man sie eigentlich schon überworfen glaubte. Doch der drohende Zusammenbruch des Wirtschaftssystems Radsport hat beide Seiten im Sinne des Markenschutzes wieder vereint.
Pat McQuaid, Präsident der UCI und somit oberster Konkursverwalter des Radsports, hat unlängst mit entwaffnender Schlichtheit davor gewarnt, eingefrorene Dopingproben nachträglich auf mittlerweile nachweisbare Substanzen zu testen: Es sei nicht gut, wenn man dauernd die Ergebnislisten von Radrennen umschreiben müsse.
Es ist also vollkommen logisch, dass auch ein Rennstall wie Astana, und mit ihm Lance Armstrong, wieder mittun dürfen auf der Fahrt nach Absurdistan. Astana, gegründet von Dopingsünder Alexandre Winokurow, wird mittlerweile von Johan Bruyneel geleitet, also jenem Mann, der Pate stand für Armstrongs triumphale wie umstrittene Karriere. Stärkster interner Teamrivale ist Alberto Contador: Der Spanier hat die Tour de France 2007 auf grandios suspekte Art gewonnen, weshalb sein neuer Rennstall Astana ein Jahr später erst gar nicht starten durfte.
Es gibt nicht wenige Menschen, die der Meinung sind, dass man auf ein am Boden liegendes Opfer nicht mehr eintreten muss. Für Lance Armstrong und die Veranstalter der Tour de France gilt diese Übereinkunft offensichtlich nicht. Das Opfer, in diesem Fall der vom systematischen Doping verseuchte Radsport, röchelt ohnehin nur noch kaum vernehmbar - daher verzichtet man auf Förmlichkeiten und begnügt sich stattdessen damit, zumindest noch Kapital aus dem Vorführen des Torsos zu ziehen.

am 3. Dezember 2008
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